Ich denke es ist an der Zeit mal den Aspekt Mindestlohn anders zu beleuchten. Und zwar aus der Sicht eines selbständigen Unternehmers. Als Unternehmer habe ich ja bekanntlich jede Menge Freiheiten: Die Freiheit, viel Geld zu verlangen, zu tun was ich will, zu kommen und zu gehen wann ich will, kann Urlaub machen so viel und wann ich will...
Soweit die Theorie. Die Realität sieht ein wenig anders aus. Erstens muss ich als Unternehmer dafür sorgen, das mein Angebot in den Markt passt: Qualitativ passend, der Nachfrage entsprechend, preislich passend ... uppps, spätestens jetzt wird es schwierig. Denn wir leben – von Ausnahmen einmal abgesehen - in kompetitiven Märkten. Und da bestimmt – in aller Regel mangels weitergehender Beurteilungsqualifikation - der Preis den Wettbewerb. Schließlich haben wir von der Kommunikationsgilde ja kräftig dazu beigetragen, den Preis für den Käufer zum Maß der Dinge zu machen. Denn Geiz ist geil, oder wie war das noch?
Was das alles mit dem Mindestlohn zu tun hat? Erklärt sich gleich. Wir haben bei den Käufern aus meiner Sicht zwei grundsätzliche Strömungen, die sich tatsächlich unversöhnlich gegenüber stehen: Die einen, die sich die Mühe machen ein Angebot qualifiziert zu betrachten. Das sind Leute (ja es gibt sie noch), die sich darüber im Klaren sind, dass man für eine Leistung grundsätzlich auch bezahlen muss. Und zwar angemessen. Und diese Leute wissen auch, dass man zusätzliche Leistungen selbstverständlich auch zusätzlich entlohnen muss (denn wer macht schon freiwillig kostenlos Überstunden). Per Ergebnis kann der Anbieter dann auf Grund seiner Leistung überleben (braucht also keinen öffentlichen Sponsor oder Mäzen). Und demnach auch keinen Mindestlohn.
Und dann gibt es da noch die anderen: Die interessiert nicht, ob jemand mit dem Erlös aus dem angebotenen Job klar kommt oder nicht. Die argumentieren mit dem globalem Markt und der eigenen Wettbewerbssituation. Denen sei gesagt, der Spruch „Ich finde immer jemanden, der es für den Preis macht“ war und ist falsch. Denn vermutlich kaum einer von denen hat schon mal versucht, in China oder Bangladesh ein Layout machen zu lassen. Nichts gegen die Kollegen dort vor Ort. Aber im Kern liegen zwischen hier und dort tatsächlich Welten.
Aber diese Sprüche zeigen Wirkung. Je mehr Angst man um seine Existenz hat, desto schneller neigt man dazu nachzugeben. Also zieht man sich auf die „Eh da“-Kalkulation zurück und sagt sich immer wieder, dass der Spatz in der Hand eben besser ist als die Taube auf dem Dach. Dumm nur, dass da eigentlich nicht mal mehr ein Spatz ist.
Wie sagte mir letztlich ein Kollege: „Es macht betriebswirtschaftlich keinen Sinn, für bekannte Marken zu arbeiten. Da legst Du immer drauf. Aber es ist gut für die Referenzliste.“ Ja prima. Ich denke es wäre besser, wenn wir diesen Kunden mit direkten Subventionen helfen würden. Dann könnten wir auf der anderen Seite wiederum vernünftig bezahlt werden. Unter dem (finanziellen) Strich kommt zwar das gleiche heraus, aber das Selbstwertgefühl von manchem Dienstleister würde enormen Auftrieb erhalten.
Aber so ist es nicht, und so wird es auch nicht sein. Denn die Subventionen werden kassiert und die Preise trotzdem gedrückt. So wie eben auch schon jetzt an vielen anderen Stellen in der Wirtschaft. Wir (jetzt meine ich uns, den Staat) finanzieren den Lebensunterhalt von vielen, damit einige ihr Preisdumping bei den Löhnen fortsetzen können.
Es gibt für diese Entwicklung aus meiner Sicht zwei einfache Gründe: Erstens gibt es irgendwo immer einen, der entweder seine Schmerzgrenze (noch) nicht ermittelt hat oder sie schlicht nicht wahrhaben will. Und der wird den Job für den geforderten Preis machen. Da kann man nur geduldig warten, bis es zu Ende geht. Es sei denn man hält es wie bei den Lemmingen: Einer springt in den Abgrund, die anderen blindlings hinterher. Der andere Grund könnte vielleicht sein, dass wir eine Leistung bieten, die der Markt eigentlich gar nicht mehr braucht. Oder vielleicht einfach nicht mehr „so wie bisher“ braucht?
Ganz ernsthaft: Ich bin 1000%ig davon überzeugt, dass Kommunikation immer gebraucht wird. Denn Menschen müssen kommunizieren, sonst gehen sie ein wie eine Primel. Und wir brauchen mehr Qualität in der Kommunikation, was auch immer das im Detail bedeutet. Wenn also die Gruppe derer, die sich in keiner Weise um die Ausgewogenheit von Preis und Leistung scheren wollen, weiter zunimmt, dann brauchen wir demnächst nicht nur einen Mindestlohn für Angestellte und Arbeiter sondern auch einen Mindestlohn für Dienstleister. Sonst wird das nichts mehr mit der Qualität. Es sei denn, immer mehr von uns sagen „Danke, dann mach Deinen Kram doch einfach selbst“ wenn uns jemand mit seinen Schweinepreisen oder unverschämten Forderungen kommt.